Trotz staatlichem Lotteriemonopol boomt die Industrie der illegalen Zweitlotterien mit ausländischer Glücksspiellizenz in Deutschland. Interne Unterlagen der Lottoland-Gruppe legen nahe, dass dem deutschen Staat und gemeinnützigen Zwecken allein zwischen 2019 und 2023 fast 400 Millionen Euro entgangen sein könnten.
In Kooperation mit RTL Extra — das Magazin (Redaktion: Franziska Klaren, Ingo Wickop)
In Deutschland werden jedes Jahr etwa 160 Menschen dank Lotto zu Millionären. Doch während der Höchstgewinn in der Geschichte des deutschen Lottos bei etwa 50 Millionen Euro liegt, wurde ein Mann nach eigenen Angaben — Dank 3,5 Millionen deutscher Lottospieler (Unternehmensangaben) — zum Milliardär. Sein Name: David Frederik von Rosen — von Hoewel geborener Schmutzler.
Milliardär wurde von Rosen nicht, indem er Lotto spielte. Sondern indem er bei Lottospielern auf seinen Webseiten lottoland.com sowie lottohelden.de den Eindruck erweckt, dass diese dort online an einer staatlichen Lotterie teilnehmen würden. Wenn jemand bei ihm einen Spielschein kauft, dann erwirbt er aber keinen echten Lottoschein. Sondern er schließt mit von Rosens Firma eine Wette auf die Lottozahlen ab. Theoretisch würde dann, falls die Lottozahlen richtig getippt wurden, das Preisgeld von Lottoland — statt von den staatlichen Lotterien — ausgezahlt werden. Das passierte in der Vergangenheit allerdings laut uns vorliegenden Unterlagen nicht immer.
Das Problem an diesem Geschäftsmodell: Es ist nach deutschem Recht illegal. Denn in Deutschland darf laut dem Staatsvertrag zum Lotteriewesen nur der Staat selbst Lotterien anbieten. Und auch Wetten auf Lotterien — sogenannte Zweitlotterien — sind in Deutschland verboten. Dies wurde von Lottoland unter anderem bereits 2016 erfolglos vor dem Oberverwaltungsgericht Niedersachsen angefochten. Und auch die Glücksspielbehörde wies in der Vergangenheit mehrfach öffentlich darauf hin, dass die Angebote von Lottoland illegal sind.
Das Lotteriemonopol existiert in Deutschland, um einerseits “eine Ausnutzung des Spieltriebs zu privaten oder gewerblichen Gewinnzwecken auszuschließen”, aber eben trotzdem dem Bedürfnis der Bevölkerung nach Glücksspielangeboten nachzukommen. Andererseits aber auch, um “sicherzustellen, dass ein erheblicher Teil der Einnahmen aus Glücksspielen zur Förderung öffentlicher oder steuerbegünstigter Zwecke im Sinne der Abgabenordnung verwendet wird”. Deshalb werden beim Kauf eines Lottoscheins etwa 16% Steuern und 23% für soziale Zwecke fällig. Im Fall von Lottoland werden aber laut der eigenen Firmenbilanz weder die deutsche Lotteriesteuer noch die Abgabe für soziale Zwecke abgeführt und sind somit Teil von Lottolands Gewinnmarge. Und das, obwohl im deutschen Recht ausdrücklich geregelt ist, dass zumindest die Steuern selbst für illegale Zweitlotterien anfallen. Lottoland bestreitet das und versichert, dass man alle “gesetzlich vorgesehenen Steuern” in Deutschland stets bezahle. Die Daten seien unvollständig, aus dem Zusammenhang gerissen und in wesentlichen Punkten irreführend. Die daraus abgeleiteten Behauptungen seien dementsprechend unzutreffend.
Möglich wird Lottolands in Deutschland verbotenes Geschäftsmodell durch andere europäische Staaten. Darunter Malta und Gibraltar. Denn sie bieten Unternehmen Glücksspiellizenzen im eigenen Land, welche auf Basis ihrer Rechtsauffassung international gelten. Diese Rechtsauffassung wird aber dem Anschein nach primär von illegalen Glücksspielanbietern und Ländern, die von ihrer Glücksspielindustrie überproportional profitieren, vertreten. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus April dieses Jahr stellte außerdem nochmals klar, dass die maltesische Glücksspiellizenz grundsätzlich nur in Malta gilt. Es sei denn, andere Mitgliedstaaten erkennen sie ausdrücklich an.
Aufgrund eines Hacks der maltesischen Glücksspielbehörde sowie Datenabflüssen aus mehreren öffentlichen Registern, ist es uns nun möglich, den finanziellen Schaden, der durch die mutmaßliche Steuerhinterziehung sowie die Nichtabführung der Abgaben für soziale Zwecke entstand, genauer zu bemessen. Der Gesamtschaden alleine in Deutschland beläuft sich mutmaßlich auf über eine halbe Milliarde Euro.
Studienkredite, Rollkragenpullis, illegales Lotto
Von Rosens Karriere begann nicht mit illegalem Glücksspiel. Sondern als Besitzer der Firmenhülle der Lederwarenfabrik Gebrüder Dewald GmbH, die ihm im Alter von 23 Jahren von seiner Mutter überschrieben wurde. Eine Firma, die unter anderem Pistolenholster und Gewehrriemen für Polizei und Bundeswehr herstellte.
Im Jahr 2003 — von Rosen war zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt — gründete er mit Unterstützung seines Vaters die Firma CareerConcept. Ein Bildungsfonds, der Studienfinanzierung mit einkommensabhängigen Rückzahlungen anbot. Während ihm das ermöglichte, sich einen Sportwagen im Wert von 150.000€ zu kaufen und damit in der SZ zu prahlen, würde das Oberlandesgericht Köln in seinem Urteil vom 31.05.2017 (16 U 139/16) die Zinssätze der von CareerConcept angebotenen Studienfinanzierung als “zumindest im Grenzbereich der Sittenwidrigkeit” einordnen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte von Rosen CareerConcept allerdings schon lange verlassen. Denn im Jahr 2009 wurde er vom Studienkredit-Anbieter zum Luxus-Mode-Label-Inhaber. Unter der Marke “von Rosen” bot er unter anderem Rollkragenpullover für 420€ an. Ihm gelang — indem er Steve Jobs einen dieser Pullover schickte — ein Marketing-Coup. Jobs trug einen “von Rosen”-Pulli bei seinem letzten öffentlichen Auftritt. Trotz dieses Marketing-Erfolgs überlebte die Marke ihren prominentesten Werbeträger nur knapp. Im Oktober 2011 kündigte von Rosen an, das Label aufgrund eines Markenrechtsstreits mit Peek&Cloppenburg einzustellen. P&C sah eine Verwechslungsgefahr mit dem hauseigenen Modelabel “Paul Rosen”.
Nachdem auch dieses Geschäftsmodell scheiterte, wechselte von Rosen erneut die Branche. Im Juni 2012 veröffentlichte von Rosen schließlich Lottoland.com mit einer Glücksspiellizenz in Gibraltar und begann illegale Zweitlotterien in Deutschland anzubieten. Er war damit auf dem deutschen Markt keineswegs der Erste. Denn Tipp24 bot diese bereits viele Jahre zuvor an, wechselte jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits auf das legale Spielvermittlungssystem der staatlichen Lotterien. Von Rosen füllte somit eine eigentlich nicht vorhandene Marktlücke mit einem illegalen Angebot.

Lottohelden: Vom Vorzeige Startup in die Illegalität
Zeitgleich wurde mit dem Inkrafttreten des 2. Glücksspielstaatsvertrags im Juni 2012 für Unternehmen in Deutschland die Möglichkeit geschaffen, online Spielscheine für die staatliche Lotterie bundesweit anzunehmen und an die zuständige Lotto-Landesgesellschaft weiterzuleiten. Ähnlich wie eine Kiosk-Annahmestelle erhalten die Webseiten hierfür eine kleine Provision für jeden angenommenen Spielschein.
In dieser neuen Regulierung sahen die Hamburger Gründer Matthias Höfer, Marc Peters und Jens Hartwig eine Chance. Sie gründeten Lottohelden.de ebenfalls im Juni 2012 und wollten das erste regulierte Unternehmen in Deutschland werden, das bundesweit Lottoscheine legal annehmen kann. Diese Idee finanzierte unter anderem der Telekom Venture Fonds sowie 538 Privatinvestoren über die Crowdfundingplattform Seedmatch.
Ende 2015 kam es plötzlich zum Verkauf von Lottohelden an die Lottoland-Gruppe. Und während Seedmatch den “ersten Exit für ein per Crowdfunding finanziertes Startup in Deutschland” feierte, wurde Lottohelden von einem auf den anderen Tag von einem legalen Spielvermittler zum Anbieter illegaler Zweitlotterien. Seitdem entspricht das Angebot von Lottohelden weitgehend dem von Lottoland. Damit erhielt die Lottoland-Gruppe Zugang zu einer bekannten deutschen Marke und einem bestehenden Kundenstamm.


Auf Anfrage wollte sich keiner der Gründer von Lottohelden dazu äußern. Überhaupt antwortete nur Jens Hartwig, welcher Lottohelden schon kurz vor dem Verkauf an Lottoland verlassen hatte. Er teilte mit, er “habe mit dem Thema abgeschlossen” und pflege keine Kontakte mehr zu seinen damaligen Mitgründern.
Soziales Marketing statt sozialer Zweck
Ein wichtiger Kritikpunkt von Zweitlotterien war von Beginn an, dass der Gesellschaft nicht nur massive Steuereinnahmen entgehen und der Spielerschutz nicht sichergestellt wird. Sondern auch, dass der soziale Zweck, den Lotterien in Deutschland per Gesetz haben, nicht erfüllt wird. Denn 23% aller Lotterieeinnahmen über die Bundesländer an soziale Zwecke zu verteilen, war von Beginn an eine der Kernideen von Lotto in Deutschland.


Im Jahr 2016 gründete Lottoland als Reaktion auf die lauter werdende Kritik die “Lottoland Stiftung gGmbH”. Doch statt mit großen Geldspenden an soziale Organisationen fiel die Gesellschaft primär damit auf, dass sie illegale Glücksspielwerbung schaltet. Was ihr allerdings prompt vom OVG Hamburg verboten wurde.
Während die “Stiftung” bereits 2018 wieder liquidiert wurde, existiert ihre Webseite noch heute. Sie wirbt unter anderem mit Unterstützung von Projekten der Naturschutzorganisation NABU sowie des Kinderhilfswerks Arche.
Auf Anfrage teilt die Arche mit, dass sie mehrere Spenden in Höhe von insgesamt 21.000€ aus den Jahren 2016–2019 nachvollziehen könne. Ihnen war bisher nicht bekannt, dass diese Kleinspenden aus illegalen Aktivitäten stammen und sie wollen nun versuchen, diese zurückzuzahlen und gegen die Nutzung ihrer Marke auf der Webseite von Lottoland vorgehen. Der NABU kann hingegen keine Spenden von Lottoland nachvollziehen und auch sie wollen gegen die Nutzung ihrer Marke vorgehen. Die Lottoland Stiftung behauptet hingegen weiterhin, man habe nach vorheriger Abstimmung bereits im Jahr 2020 insgesamt drei Projekte des NABU gefördert und ihnen lägen entsprechende Förderbelege vor. Man könne allerdings aus “datenschutz- und vertragsrechtlichen Gründen” keine Belege an Dritte weitergeben.
Im Jahr 2018 bezifferte der Geschäftsführer von Lotto Hamburg, dass den Ländern sowie gemeinnützigen Organisationen aufgrund von illegalen Zweitlotterien pro Jahr rund 200 bis 250 Millionen Euro entgingen. Demgegenüber vermögen die Spenden von Lottoland sowie der Hinweis aus dem Antwortschreiben der “Stiftung”, man leiste auch in Deutschland einen Beitrag und habe stets die gesetzlich vorgesehenen Steuern entrichtet, diesen Eindruck kaum zu entkräften.
Mutmaßliche Steuerhinterziehung in 9-stelliger Höhe
Während Lottoland darauf beharrt, in Deutschland alle “vorgesehenen Steuern” zu entrichten, liegt auf Basis der von der “Malta Gaming Authority” extrahierten Dokumente eine andere Bewertung nahe. Die Dokumente von dort beziehen sich auf die European Lotto and Betting Limited (ELBL), die maltesische Firma, welche das operative Geschäft von Lottoland.com und Lottohelden.de ab 2019 für Deutschland und Österreich übernahm.
Bisher war es für die Steuerfahndung nahezu unmöglich, eine Bemessungsgrundlage — also wie viel Geld eigentlich zu versteuern wäre — für Unternehmen wie Lottoland zu ermitteln. Weil sie ihre Einnahmen nicht gegenüber dem deutschen Staat erklären und der Staat Malta sich laut verschiedener Behörden bisher nicht gerade kooperativ zeigte. Prof. Dr. Thomas Dünchheim — einer der führenden Juristen im Bereich des Glücksspielrechts — sagte dazu gegenüber RTL News, dass solche Dokumente für den Fiskus hoch interessant seien. Daten, die den Ermittlungsbehörden nun vorliegen könnten.
Aus einer internen Management-Gewinn-und-Verlustrechnung für das erste Halbjahr 2020 geht hervor, dass die European Lotto and Betting Limited in diesem Zeitraum rund 95% ihrer Einnahmen in Deutschland erzielte. Ab 2021 finden sich in den Unterlagen keine separate länderspezifische Auswertung mehr, aus welcher sich der Anteil des deutschen Marktes am Unternehmensumsatz ablesen lassen würde. Dafür wird in einem als vertraulich gekennzeichneten Report der Firma “BDO Technology Advisory Limited” darauf hingewiesen, dass aufgrund des 2021 in Kraft getretenen neuen Glücksspielstaatsvertrags und Rennwett- und Lotteriegesetzes, alle Spieler mit deutscher IP-Adresse von nun an als maltesische Spieler unter dortiger Lizenz gezählt werden würden. Dazu entschloss man sich, da das Rennwett- und Lotteriegesetz in §26 Abs 2 unmissverständlich klarstellt, dass wenn entweder der Anbieter oder der Spieler in Deutschland ansässig ist, die deutsche Lotteriesteuer fällig wird. Explizit auch bei illegalen Zweitlotterien.
Die Lottoland-Gruppe bestreitet, dass die ELBL über 90% ihres Umsatzes in Deutschland erzielen würde. Allerdings weisen alle im maltesischen Handelsregister hinterlegten Bilanzen der Jahre 2020–2023 darauf hin, dass die ELBL einen Großteil ihres Umsatzes in Deutschland mache und es aufgrund der rechtlichen Situation daher ein signifikantes Geschäftsrisiko gäbe.


Aus den Bilanzen von 2019 bis 2023 gehen folgende Umsätze im Bereich des in Deutschland nicht erlaubnisfähigen Lotteriegeschäfts hervor:
2019–139.859.475€
2020–224.723.755€
2021–259.471.419€
2022–301.537.407€
2023–311.952.464€
Selbst unter der konservativen Annahme, dass die ELBL nicht rund 95%, sondern nur 80% ihres Lotterieumsatzes in Deutschland erzielte, wären das in nur fünf Jahren insgesamt 165 Millionen Euro an Lotteriesteuern sowie 227 Millionen Euro für soziale Zwecke, die in Deutschland laut Firmenbilanz nicht abgeführt wurden. Geld, für das Suchttherapie (40.000€ pro Therapieplatz) für etwa 10.000 Menschen finanziert werden könnte. Geld, das nun fehlt.
Jedoch betreibt Lottoland das Deutschland-Geschäft bereits seit 2012 und bis heute. Somit liegt der Gesamtschaden mutmaßlich weitaus höher.
Neben den in Deutschland nicht erlaubnisfähigen Lotterien bietet Lottoland auf seinen Webseiten zusätzlich Automatenglücksspiel sowie Sportwetten an. Die ELBL hat aber auch dafür in Deutschland keine Lizenz — es handelt sich somit um illegales Glücksspiel. Insgesamt beliefen sich die Spieleinsätze in den Jahren 2019–2023 laut Unternehmensbilanzen auf knapp 6,4 Milliarden Euro. Bei einer Glücksspielsteuer von 5% bzw. 5,3% (ab Mitte 2021) auf den Umsatz, würde das — wenn 80% der Umsätze in Deutschland angefallen sind — Steuerzahlungen in Höhe von etwa 255 Millionen Euro entsprechen.
Seit der Glücksspielreform 2021 führt die ELBL laut eigenen Angaben Glücksspielsteuer in Deutschland für das illegale Glücksspiel ab. Insgesamt weisen die Bilanzen aber im betrachteten Zeitraum nur eine Summe von etwa 35 Millionen Euro gezahlter Glücksspielsteuern auf. Was eher einer — wie tatsächlich auch in einigen Ländern üblichen — etwa 5% Besteuerung auf die Spieleinnahmen nach Abzug der ausgezahlten Gewinne und anderer Kosten entspricht. In Deutschland müssen Steuern allerdings nicht auf die Gewinne des Glücksspielanbieters, sondern auf die Spieleinsätze bezahlt werden. Zahlungen in entsprechender Höhe lassen sich allerdings nicht in der Bilanz finden.
Die Nutzung einer falschen Bemessungsgrundlage für die Abführung von Steuern erscheint im Gesamtkontext von Lottoland auch nicht völlig abwegig. Denn genau solche Narrative, dass die Glücksspielregulierung seit “Jahren Gegenstand rechtlicher und politischer Diskussionen” und insgesamt das Thema sehr komplex sei, sind auch die Argumente von Lottolands Pressestelle. Zu den konkreten Vorwürfen will man sich aber nicht äußern.
Überforderte Behörden
Lottoland agiert also seit über einem Jahrzehnt in Deutschland illegal. Und von Beginn an wurde das auch von deutschen Behörden so bewertet. Lottolands Strategie, um trotzdem in Deutschland zu operieren, basiert primär darauf, Gerichtsprozesse durch möglichst viele Instanzen zu führen, Unternehmenssitz und Form zu wechseln und in der öffentlichen Debatte Zweifel zu säen.
Die im Jahr 2021 gegründete gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) beschäftigt sich mit dem Fall Lottoland seit ihrer Gründung. Sie setzt unter anderem sogenannte Payment Blockings gegen sie durch. Was dazu führt, dass auf der Webseite von Lottoland und Lottohelden heute keine Kreditkartenzahlungen mehr möglich sind. Und Kunden, die nun alternativ über Lastschrift bezahlen, werden von ihrer Bank darüber informiert, dass sie an illegalem Glücksspiel teilnehmen.
Doch Lottoland bleibt, was die aktive Umgehung dieser Maßnahmen angeht, kreativ. So gründeten sie Anfang des Jahres elf Firmen in Zypern an derselben Adresse, die irgendetwas mit “Zahlungsservice”, heißen und mutmaßlich dazu dienen, es der GGL möglichst schwer zu machen, alle Zahlungen an Lottoland zu blockieren. In einem Test wurden diese Firmen allerdings nicht für die Lastschrift eingesetzt. Stattdessen wurde diese durch eine andere — an derselben Adresse — ansässige Firma mit dem Namen “ADZWORK DIGITAL LTD” eingezogen. Die einzige Firma an dieser Adresse, die laut zyprischen Handelsregister nicht David von Rosen gehört, sondern einer Person Namens “ΜΙΧΑΗΛ ΤΣΙΟΥΛΑΚΑΣ” über die online nichts herauszufinden ist.

Es ist verständlich, dass es für Behörden schwierig ist, erfolgreich gegen ein solch international arbeitsteilig agierendes Unternehmen mit massiven finanziellen Spielräumen vorzugehen. Dennoch könnte man in einigen Bereichen den Eindruck bekommen, dass Behörden nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit gegen Lottoland ermitteln. So ist es unter anderem schwer verständlich, warum die Webadressen von Lottoland bisher nicht beschlagnahmt wurden, während das in anderen Verfahren gegen organisierte Kriminalität mittlerweile durchaus gängige Praxis ist. Dazu teilt die GGL mit, es fehle ihr “sowohl die gesetzliche Befugnis als auch die operative Zuständigkeit, eigenständig Beschlagnahmen durchzuführen oder zu veranlassen”. Dass die GGL sich nicht imstande sieht solche Beschlagnahmen durchzuführen oder in Zusammenarbeit mit anderen Ermittlungsbehörden zu initiieren ist besonders deshalb bedenklich, weil man ihr stattdessen die rechtliche Möglichkeit gegeben hat sogenannte DNS-Sperren bei Internetprovidern anzuordnen. Die sind allerdings bisher nicht wirksam und da es bei ihnen — anders als bei Beschlagnahmen — keinen Richtervorbehalt gibt, auch rechtsstaatlich problematisch.
Doch auch warum die Ermittlungsbehörden bisher nicht von sich aus durchgreifen, ist unverständlich. Ganz im Gegenteil sogar, von Rosen, der sich laut Aussagen verschiedener Behörden seit einigen Jahren aufgrund der ihm drohenden Strafverfolgung nicht mehr nach Deutschland traut, wurde im Jahr 2023 durch das deutsche Konsulat in Málaga sogar ein neuer Reisepass ausgestellt. In Fällen, in denen sich Menschen durch Fernbleiben der deutschen Strafverfolgung entziehen, ist das durchaus unüblich. Es könnte so der Eindruck entstehen, Deutschland nehme die Strafverfolgung nicht übermäßig ernst.
Lottolands Weg in die Legalität
Bereits im Jahr 2020 kündigte Lottoland gegenüber Behörden sowie Lotteriegesellschaften an, das Deutschlandgeschäft legalisieren zu wollen und präsentierte vor dem Glücksspielkollegium auch einen detaillierten Plan, der uns vorliegt. Die Idee war einfach: Das illegale Auslandsgeschäft bleibt bestehen, parallel entsteht eine deutsche Gesellschaft mit Lizenz, auf die die Kunden später übertragen werden sollen. In der Präsentation wird unter anderem eingestanden, dass die Lobbyarbeit der Lottoland nicht dazu führte, dass in Deutschland Zweitlotterien erlaubt werden, mehrere deutsche Gerichte nicht der Argumentation von Lottoland folgten und man sich jetzt “Rechtsfrieden” wünsche.


Der Plan umfasste die Gründung einer neuen, von der Lottoland-Gruppe “völlig unabhängigen” deutschen Gesellschaft, der Lottoland Deutschland GmbH. Diese solle ab Juli 2021 hier eine legale Spielvermittlungserlaubnis erhalten und dann Geschäftsanteile der GmbH gegen die Kundendaten der Spieler bei der illegalen maltesischen Firma tauschen. Diese Firma, die aktuell noch vollständig den Eltern eines mittlerweile verstorbenen Lottolandmitarbeiters Namens Benjamin Deifel gehört, hat vor wenigen Tagen — ziemlich genau fünf Jahre nach dem von Lottoland geplanten Start des Angebots — ihren in Deutschland erlaubten Spielbetrieb auf lottoland-deutschland.de aufgenommen. Auf Anfrage begründete Magnus von Zitzewitz, Geschäftsführer der Lottoland Deutschland GmbH, den um fünf Jahre verspäteten Start damit, dass die Bundesländer für die Erteilung der Spielvermittlungserlaubnis und die technische Implementierung insgesamt über fünf Jahre gebraucht hätten. Aus seiner Sicht sei es “offensichtlich, dass viele der Beteiligten die Transformation vereiteln wollten und wollen”. An Lottoland lag es aus seiner Sicht eindeutig nicht.

Momentan läuft das in Deutschland lizenzierte Angebot allerdings parallel zum illegalen Angebot und die Webseiten der Lottoland Deutschland sind sogar via robots.txt von der Google-Suche ausgeschlossen — also nicht über Suchmaschinen auffindbar. Magnus von Zitzewitz, Geschäftsführer von Lottoland Deutschland begründet den Parallelbetrieb damit, dass die GGL bei der Erlaubniserteilung eine Nebenbestimmung aufgenommen habe, die aus seiner Sicht die Transformation des Geschäfts, von der illegalen internationalen Lottoland Gruppe hin zum legalen Spielbetrieb der Lottoland Deutschland GmbH, durch die Hintertür konterkariert und derzeit noch in gerichtlicher Prüfung seien. Die Lottoland Deutschland GmbH habe von der Gruppe aufgrund des andauernden Rechtsstreits zur obigen Nebenbestimmung der Erlaubnis der Lottoland Deutschland GmbH noch nicht die entsprechenden Markenrechte vollständig erhalten. Zudem dürfe die Lottoland Deutschland GmbH auch behördlich vor der Transformation noch nicht werben, was rechtlich auch Google inkludiere.
Die von Lottoland Deutschland benötigte Spielvermittlungserlaubnis musste laut Glücksspielbehörde erteilt werden, da keine “rechtlich substantiierte Verbindung zur Lottoland-Gruppe” bestände und bloße “Verdachtsmomente” nicht ausreichen. Verdachtsmomente wie eine gemeinsame Präsentation vom Geschäftsführer der Lottoland Deutschland GmbH sowie dem Geschäftsführer der illegalen internationalen Lottoland Gruppe, in dem sie genau diesen Plan gegenüber verschiedenen deutschen Behörden erklärten, reiche laut GGL eben nicht, sondern nur ein nachweisbarer “beherrschender Einfluss”. Laut Lottoland Deutschland Geschäftsführer Magnus von Zitzewitz gäbe es bereits seit der Gründung der GmbH einen Optionsvertrag (Call für 1 Euro) mit der internationalen Lottoland Gruppe, über den die Bundesländer nach seiner Aussage informiert seien.
Bei der von Herrn von Zitzewitz angesprochenen Nebenbestimmung, handelt es sich nach uns vorliegenden Informationen um eine Klausel, die besagt, dass die durch die Glücksspielbehörde ausgestellte Spielvermittlungserlaubnis zurückgezogen werden dürfe, wenn die internationale Lottoland Gruppe die deutsche GmbH innerhalb von 5 Jahren nach Abschluss der Transformation vom illegalen zum legalen Geschäft übernehmen würde.
Lottoland kann nur gewinnen
Die Kanalisierung der illegalen Glücksspielangebote zu legalen Angeboten ist in Deutschland eines der Ziele des Glücksspielstaatsvertrags. Weswegen Lottoland nicht das erste Unternehmen wäre, das es nun tatsächlich schaffen könnte, sein Geschäft in Deutschland zu legalisieren. Dabei bleibt fraglich, ob wir als Gesellschaft in diesem Prozess irgendwann die uns bisher mutmaßlich entgangenen Steuerzahlungen erhalten werden oder ob es am Ende noch eine Möglichkeit geben wird, dass Spieler*innen Spielverluste aus dem illegalen Glücksspielbetrieb zurückfordern könnten. Andere Anbieter, denen man die Legalisierung in Deutschland ermöglichte, ließen daraufhin ihre maltesischen Firmen zahlungsunfähig werden, um sich Forderungen Deutscher Spieler zu entziehen.
Die Legalisierung seiner 3,5 Millionen Spieler in Deutschland wäre vor allem ein Geschenk an David von Rosen. Denn ein legales Glücksspielgeschäft dieser Größenordnung könnte laut Insidern ein vielfaches wert sein. Und das, obwohl man pro vermittelten Spielschein dann mutmaßlich deutlich weniger Gewinn erwirtschaften könne. Die Deutsche Gesellschaft hat David von Rosen also auch durch die entgangenen Steuereinnahmen erst zum Milliardär gemacht und nun könnte ihm deutsche Regulierung dabei helfen, sein Vermögen weiter zu vergrößern.
Heute bekleidet von Rosen keine offizielle Position in der Lottoland-Gruppe mehr und besinnt sich wieder auf ein Thema vom Beginn seiner Karriere zurück. Er investiert laut eigenen Angaben sein primär aus dem Glücksspiel stammendes Vermögen in Waffenstartups. Unter anderem in die deutschen Drohnenhersteller Tytan Technologies und Quantum Systems. Somit fließt nun Geld, das für soziale Zwecke in Deutschland gedacht war, immerhin wieder nach Deutschland. Nur hier eben in Waffensysteme statt Kitas. Das passt auch zu Interviews, die er auf seinem LinkedIn-Kanal gerne mit sich selbst führt. In einem davon bezeichnet er Menschen wie sich als einen kompetenteren Finanzminister für Deutschland.
Möglich wurde das Geschäftsmodell von Lottoland, aber nicht nur wegen der “kreativen Geschäftsmodelle” von Menschen wie David von Rosen. Sondern auch, weil Staaten wie Malta, es erst durch ihre aus deutscher Sicht europarechtswidrige Glücksspielpolitik möglich gemacht haben. Und weil sie aufgrund ihrer nicht vorhandenen Kooperationsbereitschaft sowie lokaler Gesetzgebung, welche laut Meinung vieler Juristen die internationale Strafverfolgung aktiv behindert, diese Industrie bis heute unterstützen. Die deutsche Glücksspielbehörde teilt dazu mit, dass sie zwar mit Behörden vieler anderer Länder im Austausch stehe — es aber bis heute keinen Austausch mit der maltesischen Glücksspielbehörde (MGA) in Bezug auf Bekämpfung von illegalem Glücksspiel gebe. Aus verschiedenen Behörden war zu hören, dass man der MGA so sehr misstraue, dass man lieber nicht mit ihr reden wolle. Und das aus gutem Grund, denn die Liste der Affären um die MGA ist lang. Die MGA wollte sich aufgrund laufender Verfahren gegen mich (Lilith Wittmann) nicht zu den Vorwürfen äußern.
Möglich wurde Lottoland aber auch, weil deutsche Behörden dem Anschein nach nicht fähig waren, in über einem Jahrzehnt wirksam Recht durchzusetzen. Es bleibt spannend, ob und falls ja, wieviel der deutschen Gesellschaft entgangene Steuern in diesem Fall zurückgeholt werden können. Demgegenüber stehen immerhin Versuche deutscher Behörden, wie z.B. die Nebenbestimmung der Spielvermittlungslizenz, welche mutmaßlich verhindern könnten, dass die internationale Lottoland Gruppe das Geschäft der Lottoland Deutschland übernimmt und somit einfach legalisiert.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Recherchekooperation mit RTL Extra — das Magazin (Franziska Klaren, Ingo Wickop). Die komplette Berichterstattung von RTL erschien am 21.07.2026, um 22:15 im linearen Fernsehen und jetzt auf rtl.de.
Auf heise online sollte heute ein Interview mit mir zu technischen Hintergründen sowie Rahmenbedingungen von Hacking im Rahmen von investigativen Recherchen erscheinen. Leider entschied sich die Chefredaktion kurzfristig dazu, dieses Interview nicht zu veröffentlichen. Ihr findet es stattdessen hier.
Diese Geschichte wurde durch Hood Informatik auch als Youtube Video umgesetzt.
Diese Recherche wurde möglich, weil ich mich dazu entschied, Daten der maltesischen Glücksspielbehörde sowie Informationen aus weiteren Registern zu extrahieren. Hacking ist in Deutschland zwar grundsätzlich eine Straftat. Allerdings kann es in investigativen Recherchen auch legitim sein, gegen Gesetze zu verstoßen, wenn Informationen die enorme Wichtigkeit für die öffentliche Debatte haben, anders nicht zugänglich wären. Ich halte diese Methoden in einem Fall, in dem wir über die mutmaßliche Hinterziehung von Lotteriesteuern im 9-Stelligen-Bereich sprechen, im Rahmen der Lex-Wallraff für legitim.
