Die Initiative „Ein Prozent“ entstand 2015 unter anderem unter Beteiligung des rechten Publizisten Götz Kubitschek, des damaligen Compact-Chefredakteurs Jürgen Elsässer und des AfD-Politikers Hans-Thomas Tillschneider. Der Name geht auf die Vorstellung zurück, dass bereits ein Prozent der deutschen Bevölkerung – also 800.000 Menschen – ausreiche, um eine politische Wende herbeizuführen. Der inzwischen von Philip Stein geführte Verein vernetzt und unterstützt Organisationen und Akteure der sogenannten Neuen Rechten.

Der Verein wurde im Jahr 2023 durch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als gesichert rechtsextrem eingestuft. Der Verein propagiert einen ethnisch definierten Volksbegriff und unterstützt Akteure der rechtsextremen Szene. Dazu gehört auch die Verbreitung des Konzepts der „Remigration“, mit dem Teile der Neuen Rechten nicht nur die Abschiebung ausreisepflichtiger Menschen, sondern auch die Verdrängung bestimmter deutscher Staatsbürger*innen aus Deutschland verbinden.

Auf seiner Plattform solifonds.me sammelte „Ein Prozent“ Geld für ein „Schutzschild für Patrioten“. Die „Patrioten“ sollen laut Webseite Unterstützung erhalten, wenn sie „Opfer linksextremer Angriffe wurden“, „von migrantischer Gewalt“ betroffen seien oder ihre Autos angezündet wurden.

Diese Plattform wurde im Juli 2026 gehackt.


Die Hacker*innen-Gruppe, die unter dem Namen „propane“ auftritt, verschaffte sich laut eigenen Angaben durch Ausnutzen der als wp2shell bezeichneten Verkettung zweier WordPress Weitverbreitete, quelloffene Software zur Erstellung und Verwaltung von Webseiten. Sie lässt sich durch Erweiterungen, sogenannte Plugins, um zusätzliche Funktionen ergänzen. -Sicherheitslücken Zugang zur Webseite solifonds.me. Sie extrahierte die komplette WordPress-Installation und exportierte die zugehörige Datenbank. Darin ist neben den Daten aller etwa tausend Spender*innen auch geheimes Schlüsselmaterial für den Zahlungsdienstleister Stripe Internationaler Zahlungsdienstleister, der die Abwicklung von Online-Zahlungen ermöglicht. Webseiten können Stripe beispielsweise zur Annahme von Kreditkartenzahlungen und Spenden nutzen. enthalten. Laut Angaben der Hacker*innen wurde der Angriff durch die Betreiber bemerkt und die Webseite daraufhin abgeschaltet. Heute leitet solifonds.me auf eine Unterseite von einprozent.de weiter.

Die Daten enthalten neben Namen und E-Mail-Adressen in Einzelfällen auch Postanschriften der Spender*innen. Außerdem lassen sich der exakte Betrag, die IP-Adresse sowie der Zeitpunkt aller Spenden nachvollziehen.

Die Sächsische Datenschutz- und Transparenzbeauftragte teilte mit, dass bisher keine Meldung des Datenabflusses bei ihr einging. Es konnte auch nicht verifiziert werden, ob die Spender*innen über den Abfluss ihrer Daten informiert wurden.

Zahlreiche AfD-Mitglieder unter den Spender*innen

Eine erste Analyse der Spender*innendaten offenbart: Mindestens vier AfD-Bundestagsabgeordnete haben in der Vergangenheit für die Initiative von „Ein Prozent“ gespendet. Ende 2021, über ein Jahr nachdem das BfV den Verein als rechtsextremen Verdachtsfall einstufte, verzeichnete er Spenden von Sebastian Maack (100 €), Lars Schieske (300 €), Robert Teske (645,70 €) sowie Uwe Schulz (100 €). Schulz spendete nochmals 100 € im August 2024, ein Jahr nachdem der Verein vom BfV als gesichert rechtsextrem eingestuft wurde.

Sebastian Maack teilte auf Anfrage mit, er äußere sich grundsätzlich nicht zu privaten Vorgängen. Auch Lars Schieske teilte – neben persönlichen Angriffen – lediglich mit, dass es aus seiner Sicht niemanden etwas angehe, wofür er sein privates Geld spende. Teske und Schulz antworteten auf eine Anfrage bis zum Erscheinen des Artikels nicht.

Neben den Bundestagsabgeordneten befinden sich im Leak noch zahlreiche weitere AfD-Parteifunktionäre, Landtagsabgeordnete sowie Mitglieder kommunaler Vertretungen, die auch nach der BfV-Einstufung 2023 weiterhin für den „Solifonds“ gespendet haben.

Offene Fragen zur Finanzierung des Solifonds

Laut dem vorliegenden Datensatz sammelte der Verein zwischen September 2021 und April 2026 Spenden über den Zahlungsdienstleister Stripe sowie vereinzelt auch Offline-Spenden. Insgesamt wurden dabei nach Entfernung offensichtlicher Testeinträge 73.019,67 € verbucht. Davon wurden etwa 55.000 € über Stripe und rund 18.000 € offline gesammelt.

Diese Summe liegt deutlich unter den Angaben in einem Blogbeitrag vom August 2026. Darin wird von rund 148.000 € ausgezahlter Unterstützung sowie einem verbliebenen Fondsbestand von rund 31.700 € gesprochen – also mehr als das Doppelte der im Datensatz erfassten Spendensumme, die sich aus der Spenderdatenbank nachvollziehen lässt. Ob und gegebenenfalls welche weiteren Finanzierungsquellen dem Solifonds zur Verfügung standen, lässt sich aus der vorliegenden Datenbank nicht nachvollziehen.

2019 betonte der Verein gegenüber der Zeit, er habe fast 50.000 Unterstützer*innen. Dem stehen nun rund 1.000 Spender*innen gegenüber, die sich zwischen September 2021 und April 2026 in der Solifonds-Datenbank des Vereins nachvollziehen lassen.

Der Verein äußerte sich bis zur Veröffentlichung des Artikels weder zum Leak selbst noch zum Spendenaufkommen.

Spenden an Ein Prozent pro Monat

Die Balken zeigen die monatlich erfassten Spenden, aufgeteilt nach Kartenzahlungen, SEPA-Zahlungen und offline erfassten Spenden. Monate ohne Eintrag im Datensatz werden mit 0 Euro dargestellt.

Skala
Zahlungsarten ein- oder ausblenden
Das Diagramm kann nicht dargestellt werden. Die vollständigen Werte stehen in der Datentabelle darunter.

Für diese Auswertung haben wir die Daten bereinigt: Als Auszahlungen, Vorjahresüberträge, Test- oder Verwaltungsbuchungen identifizierte Offline-Einträge wurden ausgeschlossen. Die Stripe-Karten- und SEPA-Zahlungen blieben unverändert.

Daten als Tabelle anzeigen
Spenden an Ein Prozent pro Monat
Monat Stripe: KarteStripe: SEPAOfflineGesamt
Sept. 2021 10.807,09 € 8.049,88 € 7.917,72 € 26.774,69 €
Okt. 2021 3.519,00 € 744,00 € 4.523,00 € 8.786,00 €
Nov. 2021 1.431,70 € 25,00 € 0,00 € 1.456,70 €
Dez. 2021 637,00 € 580,00 € 0,00 € 1.217,00 €
Jan. 2022 469,00 € 100,00 € 0,00 € 569,00 €
Feb. 2022 555,00 € 10,00 € 1.260,00 € 1.825,00 €
März 2022 165,00 € 0,00 € 500,00 € 665,00 €
Apr. 2022 262,00 € 85,00 € 0,00 € 347,00 €
Mai 2022 1.258,00 € 730,00 € 0,00 € 1.988,00 €
Juni 2022 700,00 € 865,00 € 10,00 € 1.575,00 €
Juli 2022 340,00 € 175,00 € 1.810,00 € 2.325,00 €
Aug. 2022 80,00 € 1.050,00 € 0,00 € 1.130,00 €
Sept. 2022 70,00 € 0,00 € 0,00 € 70,00 €
Okt. 2022 115,00 € 0,00 € 0,00 € 115,00 €
Nov. 2022 125,00 € 10,00 € 0,00 € 135,00 €
Dez. 2022 270,00 € 350,00 € 0,00 € 620,00 €
Jan. 2023 75,00 € 0,00 € 0,00 € 75,00 €
Feb. 2023 105,00 € 0,00 € 0,00 € 105,00 €
März 2023 873,55 € 820,00 € 2.000,00 € 3.693,55 €
Apr. 2023 132,00 € 0,00 € 0,00 € 132,00 €
Mai 2023 175,00 € 600,00 € 0,00 € 775,00 €
Juni 2023 100,00 € 10,00 € 0,00 € 110,00 €
Juli 2023 170,00 € 235,00 € 0,00 € 405,00 €
Aug. 2023 135,00 € 0,00 € 0,00 € 135,00 €
Sept. 2023 45,00 € 60,00 € 0,00 € 105,00 €
Okt. 2023 305,00 € 10,00 € 0,00 € 315,00 €
Nov. 2023 511,00 € 185,00 € 0,00 € 696,00 €
Dez. 2023 100,00 € 125,00 € 0,00 € 225,00 €
Jan. 2024 359,00 € 0,00 € 0,00 € 359,00 €
Feb. 2024 25,00 € 110,00 € 0,00 € 135,00 €
März 2024 439,55 € 70,00 € 0,00 € 509,55 €
Apr. 2024 695,00 € 110,00 € 0,00 € 805,00 €
Mai 2024 2.418,33 € 1.348,00 € 0,00 € 3.766,33 €
Juni 2024 63,00 € 125,00 € 0,00 € 188,00 €
Juli 2024 85,00 € 25,00 € 0,00 € 110,00 €
Aug. 2024 1.750,00 € 1.200,00 € 0,00 € 2.950,00 €
Sept. 2024 495,00 € 166,00 € 0,00 € 661,00 €
Okt. 2024 910,00 € 135,00 € 0,00 € 1.045,00 €
Nov. 2024 85,00 € 125,00 € 0,00 € 210,00 €
Dez. 2024 341,00 € 80,00 € 0,00 € 421,00 €
Jan. 2025 25,00 € 50,00 € 0,00 € 75,00 €
Feb. 2025 100,00 € 0,00 € 0,00 € 100,00 €
März 2025 10,00 € 100,00 € 0,00 € 110,00 €
Apr. 2025 37,85 € 0,00 € 0,00 € 37,85 €
Mai 2025 100,00 € 20,00 € 0,00 € 120,00 €
Juni 2025 0,00 € 50,00 € 0,00 € 50,00 €
Juli 2025 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 €
Aug. 2025 10,00 € 0,00 € 0,00 € 10,00 €
Sept. 2025 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 €
Okt. 2025 225,00 € 3.060,00 € 0,00 € 3.285,00 €
Nov. 2025 25,00 € 85,00 € 0,00 € 110,00 €
Dez. 2025 1.022,00 € 275,00 € 0,00 € 1.297,00 €
Jan. 2026 50,00 € 20,00 € 0,00 € 70,00 €
Feb. 2026 0,00 € 50,00 € 0,00 € 50,00 €
März 2026 0,00 € 75,00 € 0,00 € 75,00 €
Apr. 2026 100,00 € 0,00 € 0,00 € 100,00 €
Gesamt 32.901,07 € 22.097,88 € 18.020,72 € 73.019,67 €
Quelle: Auswertung der Spendenplattform solifonds.me, September 2021 bis April 2026.

Die Mittel wurden laut dem Blogbeitrag nicht nur zur Unterstützung von Menschen verwendet, die von Gewalt betroffen waren, sondern zu einem erheblichen Teil auch zur Bezahlung von Anwalts- und Gerichtskosten. Während die Webseite vor allem Fälle aus dem Äußerungsrecht auflistet, sollen laut Berichten der ZEIT auch Kosten für die Verteidigung in Strafverfahren übernommen worden sein.

So wurde unter anderem Philipp Huemer, der das rechtsextreme Onlinemagazin Heimatkurier bis 2024 betrieben hat, in einem Prozess gegen eine Politikwissenschaftlerin unterstützt. Über sie hatte der Heimatkurier Falschaussagen sowie KI-generierte Bilder verbreitet, die den Eindruck erweckten, sie sei „fachlich unqualifiziert, radikal und gefährlich“. Der Heimatkurier verlor den Prozess und musste insgesamt rund 12.000 € Schadensersatz und Verfahrenskosten bezahlen.

Des Weiteren unterstützte der Verein nach eigenen Angaben einen Rentner in einer Auseinandersetzung mit HateAid sowie weitere rechte Content-Creator*innen in medienrechtlichen Belangen.

Die Hacker*innen veröffentlichten Informationen über das Leak auf der Plattform Indymedia Indymedia ist ein internationales Netzwerk unabhängiger Medienplattformen, das aus der globalisierungskritischen Bewegung hervorgegangen ist. Die Plattformen ermöglichen es insbesondere Aktivist*innen und sozialen Bewegungen, eigene Berichte, Recherchen und politische Stellungnahmen zu veröffentlichen. . Der Datensatz wurde dabei nicht veröffentlicht, sondern wird Journalist*innen ausschließlich auf Anfrage zur Verfügung gestellt. LW erhielt den Datensatz vorab zur Verifikation.

Zu ihrer Motivation teilten die Hacker*innen mit, dass sie antifaschistische Recherchen für unverzichtbar halten. Das zeige ihrer Ansicht nach auch der durch EXIF-Recherche Das antifaschistische Recherchekollektiv „EXIF – Recherche & Analyse“ untersucht seit Jahren rechtsextreme Netzwerke und die Neonaziszene. Es wertet unter anderem Fotos, Videos und interne Kommunikation aus und veröffentlicht Recherchen zu rechtsextremen Akteuren und Strukturen. verhinderte rechtsextreme Anschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft in Winsen.

Sie betrachten Hacking als Teil dieser Recherchearbeit, da so Strukturen von innen heraus beleuchtet werden können. Dennoch halten sie in diesem Fall eine Veröffentlichung der Rohdaten für nicht angemessen, sondern stellen sie nur Journalist*innen und Recherchegruppen zur Verfügung.