Der Scharlooweg. Eine Straße nahe der Uferpromenade in Willemstad, Curaçao. Eine malerische Karibikinsel mit rund 158.000 Bewohner*innen, von der viele Menschen in Deutschland vermutlich bis zur Fußballweltmeisterschaft 2026 noch nicht einmal wussten, dass sie existiert. Eine Insel, die zwar zum Königreich der Niederlande gehört, aber nicht zur Europäischen Union. Eine Straße auf einer Insel, die wirklich verdammt weit weg ist.

Der Scharlooweg in Curaçao ist eines der globalen Zentren des illegalen Glücksspiels. Am Beginn der Straße befindet sich die Glücksspielaufsicht, die Curaçao Gaming Authority (CGA). Am Ende der Straße sitzt die Zentralbank. Dazwischen sogenannte Treuhänder-Firmen, die für Eigentümer von Casinos auf der ganzen Welt den Papierkram vor Ort erledigen.

Rotes Gebäude mit CGA Logo klein an der Tür.
CGA Büro
Foto: Frida Jørstad Krüger - NRK

Diese Industrie konnte hier entstehen, weil Curaçao Glücksspiellizenzen zu einem Geschäftsmodell des Staates gemacht hat. Um genau zu sein: Offshore-Glücksspiellizenzen. Also Lizenzen, die zwar nicht in Curaçao gelten. Mit denen Curaçao allerdings erlaubt, Glücksspiel in einigen anderen - von der Behörde festgelegten Ländern - anzubieten. Darunter auch Deutschland

Deutschland erkennt diese Lizenz allerdings nicht an.

Nach deutschem Recht ist ein Glücksspielangebot, das sich an deutsche Spieler*innen in Deutschland richtet und nur über eine Lizenz in Curaçao verfügt, illegales Glücksspiel. Die Lizenz ist trotzdem nützlich.

Mit so einer Lizenz kann man in einigen Ländern den Anschein eines legitimen Unternehmens erwecken. Man kann unter anderem Tochterunternehmen in der EU gründen, die Zugang zu europäischen Zahlungsnetzwerken bekommen. Und weil Curaçao bis heute über kein öffentlich einsehbares Handelsregister oder gar Eigentümerregister verfügt, ist es für den Rest der Welt auch schwierig herauszufinden, wer dort Firmen besitzt.

Das macht es für Geschädigte sowie Strafverfolgungsbehörden sehr schwer herauszufinden, wem die Casinos in Curaçao gehören. So gibt es Unternehmen mit Milliardenumsätzen auf einer Insel in der Karibik und niemand weiß wem sie gehören.

Bis zum 3. Dezember 2025, 15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt logge ich mich unter einer Tarnidentität - nach fast einem Jahr Recherche - das erste Mal im Webportal der Glücksspielaufsichtsbehörde ein. Zwar mit einer E-Mail-Adresse, die mir zuordenbar ist, allerdings unter einem anderen Namen. „Flip Humme“ - der Spitzname eines Mannes, dessen Büro nur 320 Meter vom Büro der Glücksspielaufsicht entfernt liegt - und der sich um den Papierkram verschiedener Glücksspielfirmen kümmert.

Gelbes Gebäude mit Telefonzelle im UK Stil im Garten. Plakate für ein Fußballtournier.
Allyant Büro
Foto: Frida Jørstad Krüger - NRK

Von da an dauerte es keine acht Stunden, bis ich über eine einfach auszunutzende Sicherheitslücke den vollen Zugriff auf die Server der Glücksspielaufsicht hatte. Und damit auch auf das dort laufende Webportal zur Lizenzverwaltung. Ab dann konnte ich jeden Antrag und jedes Dokument, das bei der Behörde eingeht, mitlesen.

Microsoft Login Screen The Multiple Group
CGA Admin Dashboard mit Statistiken zu Lizenzen, Zahlungen und Lizenznehmern. Eingeloggt als Mario Galea. Website öffnen ↗

Das Webportal der CGA ist der Ort, an dem sogenannte Trust Offices beziehungsweise Corporate Service Provider für ihre Kunden Lizenzen beantragen und verwalten. Einer dieser Dienstleister ist die Allyant Group. Einer ihrer Geschäftsführer ist Philip Humme – jener Mann, dessen Spitznamen ich für meine Tarnidentität verwendet hatte. Allyant ist auf die Verwaltung von Glücksspiellizenzen in Curaçao spezialisiert.

Die Allyant ist mit 35 verwalteten Firmen eine der kleineren Trust-Firmen in Curaçao Gambling-Ökosystem. Zu den größten Trust-Firmen dort zählen unter anderem mit über 100 verwalteten Firmen „Emoore N.V.“ sowie mit über 75 verwalteten Unternehmen die „Xecutive Corporate Management B.V.“

Für jeden Glücksspiellizenzantrag müssen bei der CGA unter anderem Handelsregisterauszug, Diagramm zur Konzernstruktur, Businessplan sowie Informationen darüber, wie das Unternehmen finanziert wird, eingereicht werden. Dazu von den Eigentümern und Geschäftsführern Ausweise, Vermögensnachweise und ein Auszug aus dem Vorstrafenregister.

Und all das kann ich jetzt mitlesen. In Echtzeit. Daneben Support-Tickets, interne Prüfdokumente zu den Anträgen oder Kommentare von Mitarbeitern der Glücksspielaufsicht.

Plötzlich lässt sich für Hunderte Glücksspielunternehmen nachvollziehen, wer hinter ihnen steht, wer sie finanziert und wo sie Glücksspiel anbieten.


Während man normalerweise auf der Webseite eines Casinos unter Curaçao-Lizenz nur herausfinden kann, unter welchem Namen es lizenziert ist und wo die Firma in Curaçao sitzt, kann ich jetzt einfach nachschauen, wem das Casino gehört. Manchmal leben die Eigentümer näher an meinem Berliner Schreibtisch als an der Behörde, die ihre Casinos lizenziert. Manchmal sogar hier in Berlin. Oder in Frankfurt.

Dank dieser Dokumente konnten wir unter anderem der Spur des Platincasinos, des mutmaßlich größten illegalen Casinos in Deutschland folgen. Oder ein Firmengeflecht um den „Technologieanbieter“ Softswiss verstehen.

Mehr zum Platincasino Wem gehört das Platincasino? Interne Dokumente zeigen Verbindungen nach Malta und Curaçao – und eine mutmaßliche Steuerlücke von 250 Millionen Euro. Illustration zur Recherche über das Platincasino

Glücksspiellizenzen als Geschäftsmodell

Curaçao hat Glücksspiellizenzen zu einem Geschäftsmodell des Staates gemacht. Laut Behörde sind 550 davon dort momentan aktiv. Zum Preis von 47.450 Euro pro Jahr plus Gebühren für die Registrierung sowie Prüfung von Dokumenten erhalten Unternehmen dort eine Lizenz. Die Jahresgebühr muss etwa zu gleichen Teilen an das Finanzministerium sowie die CGA bezahlt werden. Das entspricht pro Jahr rund 26 Millionen Euro Einnahmen für den Staat. Bei einem BIP von etwa 3 Milliarden Euro.

Zahlungen an die Curaçao Gaming Authority pro Monat

Die Balken zeigen die monatlich erfassten Zahlungen, aufgeteilt nach Zahlungsart.

Skala
Das Diagramm kann nicht dargestellt werden. Die vollständigen Werte stehen in der Datentabelle darunter.

Dargestellt sind 19.574.243,03 € von insgesamt 19.625.911,03 €. 51.668,00 € konnten keinem Monat zugeordnet werden und sind nicht als Balken dargestellt.

Daten als Tabelle anzeigen
Zahlungen an die Curaçao Gaming Authority pro Monat
Monat License FeeDomain FeeApplication FeeUBO Application FeeGesamt
Apr. 2024 252.840,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 252.840,00 €
Mai 2024 68.960,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 68.960,00 €
Juni 2024 413.760,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 413.760,00 €
Juli 2024 1.828.970,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 1.828.970,00 €
Aug. 2024 530.210,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 530.210,00 €
Sept. 2024 979.215,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 979.215,00 €
Okt. 2024 1.950.775,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 1.950.775,00 €
Nov. 2024 1.462.700,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 1.462.700,00 €
Dez. 2024 1.173.850,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 1.173.850,00 €
Jan. 2025 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 €
Feb. 2025 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 € 0,00 €
März 2025 0,00 € 0,00 € 19.328,00 € 0,00 € 19.328,00 €
Apr. 2025 0,00 € 13.500,00 € 28.452,00 € 0,00 € 41.952,00 €
Mai 2025 0,00 € 11.500,00 € 18.968,00 € 150,00 € 30.618,00 €
Juni 2025 0,00 € 8.250,00 € 18.818,00 € 406,00 € 27.474,00 €
Juli 2025 0,00 € 8.250,00 € 50.812,00 € 1.950,00 € 61.012,00 €
Aug. 2025 0,00 € 13.250,00 € 36.736,00 € 4.276,00 € 54.262,00 €
Sept. 2025 0,00 € 6.000,00 € 23.110,00 € 600,00 € 29.710,00 €
Okt. 2025 0,00 € 143.500,00 € 9.184,00 € 4.554,00 € 157.238,00 €
Nov. 2025 0,00 € 10.500,00 € 13.776,00 € 3.032,00 € 27.308,00 €
Dez. 2025 0,00 € 63.000,00 € 37.396,00 € 1.840,00 € 102.236,00 €
Jan. 2026 0,00 € 16.750,00 € 18.368,00 € 2.008,00 € 37.126,00 €
Feb. 2026 0,00 € 19.500,00 € 4.592,00 € 1.068,00 € 25.160,00 €
März 2026 0,00 € 15.750,00 € 9.184,00 € 1.602,00 € 26.536,00 €
Apr. 2026 1.078.937,61 € 17.000,00 € 9.184,00 € 300,00 € 1.105.421,61 €
Mai 2026 8.980.161,42 € 21.250,00 € 27.552,00 € 2.992,00 € 9.031.955,42 €
Juni 2026 22.960,00 € 18.750,00 € 18.368,00 € 1.496,00 € 61.574,00 €
Juli 2026 0,00 € 23.900,00 € 36.736,00 € 2.374,00 € 63.010,00 €
Aug. 2026 0,00 € 0,00 € 9.184,00 € 1.858,00 € 11.042,00 €
Ohne Datum 0,00 € 500,00 € 44.568,00 € 6.450,00 € 51.668,00 €
Quelle: Auswertung der Zahlungsdaten der Curaçao Gaming Authority. Stand: August 2026.

Während Curaçao zwar Millionen mit Lizenzen einnimmt, gilt die Regel, dass Gewinnsteuer für Unternehmen nur auf Einnahmen innerhalb des Landes anfallen. Es gibt ebenfalls keine Glücksspielsteuer. Weil die Unternehmen in Curaçao selbst vor Ort keine Geschäfte tätigen, müssen sie in der Regel auch keine Unternehmenssteuern bezahlen. Sie zahlen pauschal die Lizenzkosten sowie eine Verwaltungsgebühr an ein Trust Office in Curaçao und können dann steuerfrei so viel mit Glücksspiel verdienen, wie sie wollen.

Demgegenüber zahlen in Deutschland lizenzierte Unternehmen bei Automatenglücksspiel und Sportwetten 5,3 Prozent Glücksspielsteuer auf den Einsatz des Spiels. Neben den regulären Unternehmenssteuern.

Neben den Lizenzen selbst stellt auch die Arbeit der Trust-Firmen einen Wirtschaftsfaktor dar. Den Eindruck kann man nicht nur beim Blick auf ihre imposanten Bürogebäude im Scharlooweg bekommen. Bilanzen der Glücksspielfirmen weisen teilweise sechsstellige Beträge für diese Dienstleistungen aus.

Wer arbeitet für die CGA?

Im Portal der CGA befinden sich insgesamt aktive Accounts von 26 Menschen, die dem Anschein nach direkt bei der Behörde arbeiten. Daneben finden sich im System allerdings auch externe Mitarbeiter*innen von zwei externen Firmen. Der Random Consulting Limited auf Malta - mit 7 Mitarbeiter*innen. Sowie der HSJ Consult aus Zypern mit 18 Mitarbeiter*innen.

Ein Großteil der operativen Arbeit im Portal der CGA geschieht dabei dem Anschein nach nicht auf Curaçao. Sondern bei den Dienstleistern aus Zypern und Malta. Sie übernehmen jeweils unterschiedliche Prozessschritte im Lizenzierungsprozess.

Random Consulting Limited

Zuerst führt die Firma Random Consulting Limited (RCL) sogenannte Due-Diligence-Prüfungen durch. Sie untersucht unter anderem die eingereichten Dokumente im Lizenzprozess auf ihre Echtheit und Vollständigkeit und sucht in Datenbanken, ob gegen die Personen, in deren Eigentum sich die Casinofirma befindet, etwas vorliegt.

Der Eigentümer von RCL, Mario Galea, war von 2004 bis 2008 Geschäftsführer der maltesischen Glücksspielaufsichtsbehörde. Ihm wird momentan von Luigi Faynette - einem Politikberater im Parlament von Curaçao sowie Oppositionspolitiker - unter anderem Betrug und Veruntreuung vorgeworfen. Galea weist diese Vorwürfe zurück. Im Kontext der öffentlichen Debatte wurde bekannt, dass Galeas Firma insgesamt mit 3,4 Millionen Euro für die Dienstleistungen in den Jahren 2023 bis 2025 in Curaçao vergütet wurde.

Neben dem Due-Diligence-Prozess entwickelt Galea laut der Software-Versionsverwaltung persönlich die Plattform der CGA. In diesem Kontext hatte er auch 2024 bereits erklärt, dass Anträge bei der CGA mithilfe von künstlicher Intelligenz geprüft werden würden. Allerdings wurden solche Funktionen der Plattform technisch überhaupt erstmals am 7. Juli hinzugefügt und werden dem Anschein nach bisher nicht produktiv verwendet. So befinden sich in der Datenbanktabelle, welche für diese Funktion verwendet wird, bisher neun Einträge, die alle eher auf eine experimentelle Nutzung hindeuten. Der letzte Eintrag in der Datenbanktabelle stammt vom 13. Juli 2026. Seitdem wurde die Funktion dem Anschein nach nicht wieder verwendet.

Ausschnitt aus Historie des Versionsverwaltungssystems

HSJ Consult Limited

Die HSJ Consult führt im nächsten Schritt des Lizenzierungsprozess eine sogenannte „Suitability“-Prüfung durch. Dabei wird anhand der eingereichten Unterlagen geprüft, ob sich das Unternehmen für eine Glücksspiellizenz eignet. Es wird eine Empfehlung abgegeben, ob eine Lizenz ausgestellt werden soll oder nicht. Und falls ja, unter welchen Bedingungen beziehungsweise mit welchen Einschränkungen. Dabei entsteht das Dokument, auf dessen Basis die Entscheidung über die Lizenzvergabe getroffen wird.

Die HSJ Consult Cyprus Limited befindet sich im alleinigen Eigentum der britischen Staatsbürgerin Hilary Stewart Jones. Die Gesellschaft erwirtschaftete im Jahr 2024 einen Umsatz von 177.673 Euro. Sie ist laut ihrem Lebenslauf Juristin, seit über 30 Jahren in der Glücksspielindustrie aktiv und auch heute an Glücksspielunternehmen beteiligt. So weist ihr LinkedIn-Profil eine Beteiligung an der Firma „Live Solutions“ aus.

Auf Basis dieser Dokumentation wird dann durch die Geschäftsführung der CGA die Lizenz vergeben.

Die CGA weiß, was sie tut

Die Unterlagen zeigen auch, was die CGA prüft und welche rechtlichen Risiken die Prüfer erkennen und welche Konsequenzen sie daraus ziehen. So finden sich in den Checklisten nach Lizenzvergabe bei Casinos Vermerke wie „innerhalb von sechs Wochen muss der CGA bestätigt werden, dass die USA, die Niederlande sowie Curaçao, alle sanktionierten Länder und Ontario blockiert sind“. Also Spieler*innen von dort nicht auf das Casino zugreifen können.

Manchmal sind Prüfer der CGA besorgt, zum Beispiel weil ein Casino ausschließlich in Südafrika agieren möchte. Dann fordern sie eine Strategie zur Risikominimierung, weil „bestimmte Glücksspielprodukte in Südafrika illegal“ seien. Auch Österreich löst bei Mitarbeiter*innen von Random Consulting wegen aktueller Gerichtsverfahren Sorgen aus und wird deshalb als „schwieriger Markt“ bezeichnet.

In Einzelfällen hat man auch bei Details wie dem Standort des Servers Bedenken. Der steht in einem Fall in Finnland. Das Land, in dem das Casino zum Zeitpunkt der Überprüfung auch Glücksspiel anbietet. Das wird als „komisch und riskant“ beschrieben.

Insgesamt könnte man, wenn man sich durch die tausenden Seiten an Compliance-Dokumentation der Behörde liest, den Eindruck bekommen, sie - beziehungsweise ihre Dienstleister - wissen ziemlich gut darüber Bescheid, in welchem globalen Kontext sie tätig sind. Über die juristischen Situationen in unterschiedlichen Ländern etwa. Oder wann etwas zu risikoreich ist.

Es könnte sogar der Eindruck entstehen, dass es Risiken gibt, die man bei der CGA akzeptiert. Anbieter für illegales Glücksspiel in Deutschland und Österreich etwa. Und Risiken, die man lieber nicht eingeht - Angebote in Ländern wie den Niederlanden oder den USA.


Im April 2026 legte HSJ ein Prüfdokument für die Firma Just Entertainment an. Darin wurde unter anderem durch RCL bemängelt, dass kürzlich 350 Casino-Domains der Firma ohne Vorankündigung für die Spieler*innen von einer anderen Firma in diese umgezogen wurden. Und dass dies ohne Vorankündigung für die Spieler unfair sei - „darum solle man sich später in der Aufsichtsphase kümmern“, wird vermerkt.

Im selben Report wurde durch HSJ außerdem vermerkt, dass die geprüfte Firma eine außergerichtliche Schiedsstelle mit dem Namen „Askgamblers“ einsetzt. Diese Schiedsstelle dient dazu, Konflikte zwischen Spieler*innen und den Casinos zu schlichten. Allerdings wurde im Report vermerkt, dass der Einsatz dieser Schiedsstelle in diesem Fall „unfair“ sei, weil es Geschäftsbeziehungen zwischen „Askgamblers“ und der Firma selbst im Werbebereich gebe. „Askgamblers“ soll also gleichzeitig unabhängig Streitigkeiten schlichten und verdient daran, wenn sie Spieler*innen für die Casinos werben.

Trotz dieser sowie weiterer Ungereimtheiten in Bezug auf die Finanzierung der geprüften Firma empfahl HSJ die Fortführung ihrer Lizenz. Einer Empfehlung, der wenig später auch nachgekommen wurde.

Die unlimitierte Lizenz wurde in dem Fall laut der CGA-Datenbank aber einfach direkt von Hilary Stewart Jones und nicht von Mitarbeiter*innen der CGA im System als ausgestellt markiert.


Auch Funktionen des Portals sind auf Bedürfnisse ausgelegt, die primär die illegale Glücksspielindustrie haben. So gibt es unter anderem die Funktion im Portal, zu jeder Casino-Domain - eine Webadresse - alternative Domains zu hinterlegen. Um so Websperren, wie sie unter anderem die deutsche Glücksspielbehörde gegen Casinos einsetzt, zu umgehen. Für diese Funktion gibt es sogar eine Programmierschnittstelle, die es den Lizenzinhabern ermöglicht, neue Domains vollautomatisch zu konfigurieren. Wenn eine Behörde eine Sperrverfügung umsetzt, können die Anbieter diese also in Sekunden umgehen.

Beim in Deutschland sehr beliebten Platincasino wurde zum Beispiel als Primärdomain platincasino.com eingetragen. Und wenige Tage später wurden die Alternativdomains platincasino1.com sowie platincasino2.com hinzugefügt. Alle Domains bis platincasino122.com sind zwar bereits registriert, werden aber bisher noch nicht verwendet. Also platincasino3.com, platincasino4.com, …, platincasino37.com, … platincasino101.com, können technisch gesehen innerhalb von Sekunden offizielle Casinodomains bei der Curaçao Gaming Authority werden. Die Domain ist dann sofort im Sinne der CGA „lizenziert“, ohne manuellen Eingriff eines/einer Behördenmitarbeiter*in.


Überall auf der Welt verlieren Spieler*innen in Casinos, die auf Curaçao lizenziert sind, jedes Jahr Milliarden. Allein einem einzigen Firmennetzwerk konnten wir 1,75 Milliarden Euro Spielverluste zuschreiben. Die Spieler*innen wissen dabei in der Regel nicht, bei wem sie Geld verlieren und es gibt quasi keine Chance das Geld zurückzuholen.

Zuletzt im Juni entschied ein Gericht in Curaçao einmal wieder darüber, dass auch wenn das Glücksspiel illegal im Herkunftsstaat des Spielers ist und der Spieler an einer Spielsucht leidet, das Geld nicht an den Spieler zurückgezahlt werden muss. Deshalb erhielt ein Spieler aus Saudi-Arabien, der insgesamt 7,8 Millionen Euro in einem Curaçao-Casino verloren hatte, sein Geld nicht zurück.


In den Gesprächen zu Beginn dieser Recherche wurde mir von Aufsichts- und Ermittlungsbehörden sinngemäß immer wieder gesagt: „Frau Wittmann, die Eigentümer*innen dieser Casinos zu ermitteln, das ist im großen Stil fast unmöglich“. Damals hatte ich das noch ausschließlich mit öffentlich verfügbaren Informationen und Metadaten der Webseiten versucht. Und die Behörden hatten recht. Ohne den Zugang zur Software der Behörden, die den illegalen Casinos ihre Lizenzen geben, sowie den Handelsregistern mehrerer Länder, ist das tatsächlich fast unmöglich.

Am 17. September gegen 22 Uhr erhielt die Curaçao Gaming Authority meine Konfrontation. Gegen 22:30 war die Lücke geschlossen, die mir für neun Monate Zugang zum System der Curaçao Gaming Authority gegeben hatte. Die CGA hat nicht auf meine Konfrontation geantwortet. In einer Pressemitteilung vom 17. September teilte sie lediglich mit, dass die Behörde die Sicherheitslücke geschlossen habe und dass sie den Vorfall sehr ernst nehme und ihn transparent aufarbeiten wolle.

Zu diesem Zeitpunkt waren etwa 8.200 Domains für Casinos in der Lizenzdatenbank hinterlegt. Eine Casino-Domain auf etwa 20 Einwohner*innen Curaçaos.